Im Gespräch mit Wolfram Leibe

von Jochen Leuf

Mit Buch zu Besuch - OB Kandidat Dr. Fred Konrad
Kulturkarawane:
Herr Leibe, herzlich willkommen am Urban Place. Sie haben uns „Walküre in Detmold“ von Ralph Bollmann für unser Büchertauschregal mitgebracht. Herr Bollmann besucht über viele Jahre rund 80 Opernensembles deutschlandweit. Was fasziniert Sie denn an „Walküre in Detmold“?
 
Wolfram Leibe:
Mich interessiert das Buch vor allem in der derzeitigen Kultur- und Theaterdiskussion. Ich frage mich immer wieder, wie denn die Stadt Trier überhaupt von außen gesehen wird. Da passt das Buch natürlich wunderbar.
 
Kulturkarawane:
Von der Kleinstadt Detmold zur Großstadt Trier. Als ehemaliger Leiter der Arbeitsagentur und jetziger Geschäftsführer der Baden-Württembergischen Regionaldirektion bringen Sie jede Menge Verwaltungserfahrung mit. Als Künstler und Kreativer – nicht nur in Trier – empfindet man ja gerade die oft undurchsichtige städtische Verwaltung als eine der größten Hürden an dem viele Initiativen scheitern. Werden es engagierte Kunst- und Kulturschaffende mit Ihnen als Bürgermeister einfacher haben, Projekte zu planen, genehmigen zu lassen und durchzuführen?
 
Wolfram Leibe:
Ich bin Kulturmensch und zwar an erster Stelle. Ich interessiere mich seit meiner Schulzeit für Kultur und habe mich in diesem Bereich immer engagiert. Dann bin ich Mensch und dann erst Verwaltungsmensch. Genau in dieser Reihenfolge. Auch im Rahmen der Kulturleitlinien Diskussion habe ich wieder festgestellt, wie viel kulturelle Vielfalt es in Trier gibt. Deshalb habe ich im gesamten Wahlkampf keine einzige Zusage gemacht, außer einer: Die Mittel für die freie Szene von 25.000 Euro auf 50.000 Euro zu verdoppeln. Das ist immer noch nicht viel. Aber es soll nicht nur Symbolik sein sondern eine Vorleistung auf die entwickelte Idee, Drittmittel stärker für die freie Kunst- und Kulturszene einzuwerben. Federführend durch die Stadt oder durch das Kulturbüro.
 
Kulturkarawane:
Auf der einen Seite die Kunst- und Kulturszene, auf der anderen Seite die Verwaltung. Man hat oft das Gefühl, sich nicht zu verstehen.
 
Wolfram Leibe:
Sinn und Zweck von Kunst und Kultur sind doch gerade dass sie anders funktionieren. Es wäre doch schrecklich, wenn sich Verwaltung und Kunst und Kultur auf den ersten Blick verstehen würden. Verwaltung spielt nach anderen Regeln als Kunst und Kultur. Diese Reibung ist prima. Diese Reibung darf allerdings nicht dazu führen, dass Kunst und Kultur blockiert werden. Und das ist der große Unterschied.
 
Kulturkarawane:
Wo schaffen Sie da den Verknüpfungspunkt?
 
Wolfram Leibe:
Kunst und Kultur müssen Verwaltung nicht verstehen. Kunst und Kultur brauchen eine Dienstleistung aus der Verwaltung und Unterstützung. Als Akteur hat man – wie jeder Bürger auch – Erwartungen. Man braucht einen Ansprechpartner und möchte sich mit seinem Anliegen aufgehoben fühlen. Dann geht es natürlich auch um Finanzmittel. Wie kann man die Szene unterstützen? Letztendlich sind es immer Sparkassen, Stadtwerke und die Nikolaus Koch Stiftung in Trier. Da drehen wir uns im Kreis. Das alles sollte man besser koordinieren und da sehe ich den Oberbürgermeister und den Kulturdezernenten in einer aktiven Rolle.
 
Kulturkarawane:
Wie intensiv haben Sie den Beteiligungsprozess der Kulturleitlinien verfolgen können?
 
Wolfram Leibe:
Ich war bei zwei von vier Veranstaltungen dabei, meine Frau war als Vertreterin der Uni auch auf dem Podium. Deshalb haben wir das auch zu Hause sehr intensiv diskutiert. Die Forderung ist alt, dass die Studierenden sich stärker engagieren. Im Rahmen von Bachelor und Master Studiengängen haben wir aber eine Verdichtung in den Hochschulen. Die Frage ist, was trotzdem noch an kulturellem Engagement möglich ist. Bühne 1 ist da ein Beispiel das mich sehr beeindruckt hat. Auf der anderen Seite sehe ich aber Künstler hier in Trier die über Selbstausbeutung Kunst und Kultur machen. Das geht auf Dauer nicht. Wo ist da die Perspektive? Da haben wir eine soziale Verantwortung. In dieser Spannbreite bewege ich mich als zukünftiger Oberbürgermeister.
 
Kulturkarawane:
Welche Rolle wird – sehen wir einmal von der wichtigen Frage nach der Zukunft des Theaters Trier ab – das Thema Kunst und Kultur denn in Ihrem Wahlkampf spielen?
 
Wolfram Leibe:
Kunst und Kultur war einer der Gründe, weshalb ich nach Trier gezogen bin. Wir kamen aus Freiburg und sind Kunst, Kultur und freie Szene gewöhnt. Und wenn man seinen Wohnsitz verlegt, ist das für mich nicht nur ein weicher Faktor. Es war für mich eine Motivation zu sagen: „Trier ist nicht nur schön, nicht nur lebenswert, es gibt auch Kunst und Kultur.“ Außerdem ist das ein Standortfaktor. Wir liegen am Rande Deutschlands. Wenn jemand eine Arbeitsstelle in Trier angeboten bekommt, kommen genau die Fragen nach Kunst, Kultur, Kinderbetreuung und Schulen. Natürlich müssen wir in Trier einen Spagat machen. In Düsseldorf würde ich fragen: „Was wollt ihr machen?“ und eine Liste an den Stadtrat reichen. Die machen bestimmt mit. Düsseldorf ist schuldenfrei, Trier nicht. Um Kunst- und Kulturprojekte hier ohne Selbstausbeutung zu verwirklichen gehört große Anstrengung.
 
Kulturkarawane:
Meine Oma berichtet bei einem Tässchen Kaffee Haag immer begeistert von ihren Tagesfahrten nach Trier. Viele unserer Freunde sind aber schon während der Studienzeit Richtung Münster, Freiburg, Köln oder Berlin "geflohen". Haben wir ein Image Problem?
 
Wolfram Leibe:
Ja, eigentlich sind wir eine Metropole! Da lachen zwar viele aber wir haben Alleinstellungsmerkmal im Umkreis von hundert Kilometern. Abgesehen von Luxemburg Stadt gibt es nichts. Und ja, Trier ist die älteste Stadt Deutschlands aber das reicht nicht! Trier ist auch eine der Städte mit dem jüngsten Einwohnerdurchschnitt in Rheinland Pfalz. Da müssen wir den Spagat besser hinkriegen. Natürlich haben die Touristen in der Stadt ein hohes Durchschnittsalter. Das ist ja nicht schlecht, auch wir werden älter. Aber wir müssen auch etwas anbieten um jüngere Touristen anzuziehen. Mit dem Mountain Biking hat man ja jetzt angefangen. Aber was geht im Bereich Kultur und Kunst?
 
Kulturkarawane:
Wie soll man junge Kunst und Kultur denn in die  Außenwirkung des Stadtbildes einbringen?
 
Wolfram Leibe:
Machen wir den Titel doch doppelt, älteste und jüngste Stadt.(lacht) Ich bin kein Werbefachmann, aber ich habe das Gefühl, man muss das ein Stück weit zusammenführen. Man soll nicht nur vom Lateinbuch mit der Porta Nigra abgeschreckt werden und erst im Alter dann mal nach Trier fahren. Trier ist auch etwas für jüngere Menschen. Das ist auf jeden Fall auch eine Image Frage.
 
Kulturkarawane:
Berlin ist ein Mekka für junge und kreative Unternehmer, Münster ist Fahrradstadt, Freiburg ist einfach cool und Trier Trier ist...?
 
Wolfram Leibe:
… dabei cool zu werden. (lacht)
 
Kulturkarawane:
Herzlichen Dank für dieses spannende Gespräch! Erinnern Sie sich noch an die erste Liebe und den Ja/Nein/Vielleicht Zettel? Vielleicht wollen wir ja mit Ihnen durch die nächste Legislaturperiode gehen. Allerdings hätten wir da noch ein paar Fragen:
Werden Sie als Oberbürgermeister die freie Kunst- und Kulturszene gleichberechtigt zu den etablierten Institutionen unterstützen und fördern?
 
Wolfram Leibe:
Ja
 
Kulturkarawane:
Werden Sie als Oberbürgermeister aktiv für eine Subventionierung von ernsthaften und nachhaltigen Kulturkonzepten der freien Szene eintreten?
 
Wolfram Leibe:
Ja
 
Kulturkarawane:
Werden Sie sich als Bürgermeister aktiv dafür einsetzen, die freie Szene stärker im Innen- und Außenmarketing der Stadt Trier zu positionieren?
 
Wolfram Leibe:
Ja, und ich brauche Profis, die mich dabei unterstützen.
 
Kulturkarawane:
Wird Trier in Ihrer Legislaturperiode von der Stadt um die Porta auch wieder zur Stadt am Fluss werden?
 
Wolfram Leibe:
Ja, das wäre schön! Eine Legislaturperiode ist aber auch sehr wenig Zeit.

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